Kumpel Anton, St. Barbara und die Beatles
Oktober 2010 lässt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in seinem Bochumer Museum eine heute weitgehend vergessene Kulturgeschichte des Reviers wieder lebendig werden - eine Geschichte, die sich zwischen Traditionspflege und moderner Kunst, Bergarbeiterkultur und Pop bewegt. Das Themenspektrum der Schau reicht von A wie Antibabypille bis Z wie Malzirkel Zwickau. Zu sehen sind über 250 Exponate, darunter Gemälde und Skulpturen von Laienkünstlern und Mitgliedern des "jungen Westen", Werke der Dortmunder Gruppe 61, Plakate der Ruhrfestspiele, alte Filmzeitschriften, historische Fotos, Schallplatten und Filme.
"Wandel durch Kultur - Kultur durch Wandel. Das Motto der Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010 hätte auch damals gut gepasst", erläuterte Ausstellungsleiterin Dr. Dagmar Kift vom LWL-Industriemuseum am Donnerstag (15.07.) bei der Vorstellung der Schau in Bochum. Gerade die Laienmaler, Hobbymusiker und Arbeiterdichter des Ruhrgebiets, die im Mittelpunkt der Schau stehen, hätten viel bewegt und Außerordentliches geleistet. Kift: "Sie gaben dem Industrierevier nach 1945 gemeinsam mit Kulturpolitikern aus dem Bergbau, den Gewerkschaften und einzelnen Kultureinrichtungen erstmals eine kulturelle Identität. Dabei war es ihnen wichtig, die Menschen an der Kultur teilhaben oder als Laienkünstler teilnehmen zu lassen. Parallel zur Montanmitbestimmung ging es in den 1950er und 60er Jahren auch um kulturelle Partizipation." Hintergrund Die Entstehung der Ruhrfestspiele, die Gründung der "Vereinigung der Freunde von Kunst und Kultur im Bergbau e.V." in Bochum und der Künstlergruppe "junger westen" in Recklinghausen, die Einstel-lung von Kulturreferenten durch die großen Zechengesellschaften oder des Arbeiterdichters Willy Bartock als Leiter der kulturellen Betreuung der Zeche Walsum - Ereignisse wie diese markieren zwischen 1946 und 1949 den Beginn eines breiten kulturellen Aufschwungs im Ruhrgebiet.
Zwar war die Region auch damals keineswegs kulturlos. Ihre Städte verfügten auch über überregional bedeutende Museen und Theater wie das Essener Folkwang Museum und das Bochumer Schauspiel-haus. Allerdings seien diese Institute nicht von der besonderen Lebensform an der Ruhr geprägt und könnten nicht als spezifischer Ausdruck einer Ruhrkultur angesehen werden, urteilte Franz Große Perdekamp, Leiter der Kunsthalle in Recklinghausen, 1947.
20 Jahre später sah dies anders aus. Dagmar Kift: "Als der Bergbau nach dem Zweiten Weltkrieg neu geordnet wurde, erfolgte auch eine kulturelle Neubesinnung. Als es nach der Währungsreform wieder aufwärts ging, entwickelte sich rund um die Leuchttürme der bürgerlichen Hochkultur eine revierumspannende 'Kultur von unten'. Die Laienkünstler aus dem Bergbau stellten ihre Werke in den Betrieben und den Begleitausstellungen der Ruhrfestspiele aus. Die Konzerte der Bergarbeiterchöre und Werksorchester waren im Radio zu hören. Die Kunsthalle Recklinghausen entwickelte sich zu einem Zentrum der Moderne. Und die Schriftsteller der Dortmunder Gruppe 61 entdeckten die Arbeitswelt für die Literatur." Fühlten sich dadurch vor allem die Erwachsenen angesprochen, wandten sich die Jugendlichen den Helden und Idolen der anglo-amerikanischen Kino- und Musikindustrie zu. Sie machten Dortmund in den 1950er Jahren zu einer Metropole des Jazz und Recklinghausen in den 1960er Jahren zum Mekka der Beatbewegung. Dass 1966, im Jahr der Strukturkrise, die Beatles selbst in Essen auftraten, mag Zufall gewesen sein, markiert aber einen erneuten Wandel in der Kultur: Der Bergbau fuhr seine Kulturförderung zurück, die Popkultur entwickelte sich von der Nischen- zur Massenkultur.
Die Bochumer Präsentation ist ein Begleitprojekt zur Kulturhaupthauptstadt-Ausstellung "Helden. Von der Sehnsucht nach dem Besonderen", die der LWL bis 31. Oktober in seinem Industriemuseum Henrichshütte Hattingen zeigt
Quelle: Pressemeldung Landschaftsverband Westfalen-Lippe
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